Es ist Sonntag der 27. Mai. In der Wiener Neustiftgasse – gleich um die Ecke beim Augustinplatz – wurde in die Räumlichkeiten der Umweltorganisation Global 2000 eingeladen. Kein minderer als Heini Brossmann, Leiter des Theaters Trittbrettl, bietet einen Theaterworkshop an, in dem spielerisch die Themen Fleischkonsum und Regenwaldzerstörung aufbereitet werden. Knapp fünfzehn Teilnehmer*innen finden sich in einem großen hellen Raum ein, um gemeinsam eine Reise in den brasilianischen Regenwald anzutreten …

Einstimmung

Doch wer eine Reise tut, hat danach nicht nur etwas zu erzählen, sondern sollte sich idealerweise auch darauf vorbereiten. Bei Tanz und Musik bewegen wir uns also durch den Raum, verabschieden uns vorübergehend von der Außenwelt und treten schließlich miteinander in Begegnung. Nach einer Vorstellungsrunde streifen wir uns dann mit unseren Händen all die Sorgen vom Leib, die uns heute beschäftigen und stellen uns anschließend vor, unsere dynamischen Körper würden nach und nach zu Beton, um diesen dann zu sprengen und wieder ganz frei im Jetzt anzukommen. Die Geschichte beginnt …

Pueblo de Pablo

Pablo ist ein junger Bewohner einer friedlichen Dorfgemeinschaft im Amazonas. Die Menschen hier leben im Einklang mit der artenreichen Natur und zelebrieren mit ihren Riten das Leben. So wird auch Pablo am Tage seiner Mannwerdung gefeiert. Jedes Mitglied der Dorfgemeinschaft überreicht Pablo ein Geschenk – vom Bogen bis hin zum beschützenden Amulett.
Doch der Folgetag stellt die Bewohner von Pueblo de Pablo auf eine harte Probe. Gringos besuchen das Dorf, behaupten dieses Gebiet vom Staat erworben zu haben und fordern die Menschen auf ihr Land zu verlassen oder auf den alsbald entstehenden Sojaplantagen zu arbeiten. Pablo kann es kaum glauben und sabotiert in seiner Verzweiflung nachts eine der großen Maschinen, die vor dem Dorf für die Rodungsarbeiten bereitstehen. Ein Motorölfleck auf seiner Schürze verrät Pablo am nächsten Morgen, doch er schafft es zu fliehen und erreicht Wochen später per Schiff die deutsche Hafenstadt Hamburg. Nur beschwerlich findet sich Pablo in dieser von Konsum, Geld und Oberflächlichkeit bestimmten Kultur ein und schreibt voller Wehmut und Verwunderung Briefe an seine geliebte ferne Heimat.

Methodenreich

Diese Geschichte wurde nicht einfach erzählt – wir lebten diese Geschichte. Sei es auf klangerfüllten Nächten im Dschungel, in denen ein Teil der Gruppe am Boden liegend sich von den anderen mit sanften bis wilden Urwaldgeräuschen in den Schlaf wiegen ließ, oder durch die anfänglich von uns gerollten Zeitungsblätter, die sich in allerlei kreativ gebastelte Gaben für den jungen Pablo verwandelten. Als Familienverbände beratschlagten wir, wie wir auf das unheilvolle Eintreffen der ausländischen Unternehmer reagieren sollten, und stellten uns schließlich die letzte Hoffnung beschwörend auf die Barrikaden.
Wir recherchierten aber auch über die Landnutzung und Sojaexporte Brasiliens, spielten witzig abstruse Fernsehwerbungen für den Konsum von Fleisch nach und mimten den Arbeitsalltag von Menschen in Fast-Food Lokalen. Bei der Übung „Hot Seat“ setzten sich je zwei auserkorene Vertreter des reichen globalen Nordens in weiße Pelzmäntel gekleidet auf zwei Stühle um die Konfrontation mit Entsandten der Inuit, Alpenländer, Kinder, Indios, Sahel-Zone und Malediven anzutreten. Schließlich schrieb jede*r von uns als Pablo rührende Zeilen aus einer vom Kapitalismus getriebenen Welt an unsere ersehnte Dorfgemeinschaft.

Sensorisches Gesamterlebnis

Heini Brossmann will bei diesem Workshopformat mittels Dramapädagogik einen kraftvollen Zugang zur Umweltpädagogik schaffen und vor allem junge Menschen erreichen. Vom gemeinsam zubereiteten vegetarischen Mittagessen, über die zahlreichen Utensilien – vom Regenstab bis zur Machete – bis hin zu den gut eingeflochtenen Entspannungs- und Bewegungseinheiten tauchen die Teilnehmer*innen in ein sensorisches Gesamterlebnis ein. Heini Brossmanns Leidenschaft für den Regenwald ist dabei jederzeit spürbar und vermag zu fesseln und zu begeistern.

Bericht von NH-Reporter Hannes
Fotos: © MA22

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